v.l.n.r.: Martin Simhandl, Peter Höfinger, Peter Hagen, Franz Kosyna, Franz Fuchs

»... 180 MIO. MENSCHEN BEDEUTEN EIN ENORMES POTENZIAL ...«

Herr Dr. Hagen, dieser Geschäftsbericht trägt das Motto „Hinter jeder Zahl stehen Menschen“. Was bedeutet das für die Vienna Insurance Group konkret?

Hagen: Das bedeutet schlicht und einfach: Unser Erfolg beruht auf Menschen, und zwar auf unseren Kunden, Mitarbeitern, Aktionären und Partnern. Bei einem Produkt, das sich nicht anfassen lässt, spielt Vertrauen eine ganz wichtige Rolle. Ohne das Vertrauen unserer Kunden, das uns täglich entgegengebracht wird, könnten wir nicht bestehen. Das können wir wiederum nur dann gewinnen, wenn unsere Kunden auf serviceorientierte und kompetente Mitarbeiter stoßen. Ich denke, genau dieses Bewusstsein macht uns auch aus und deshalb möchte ich es im Geschäftsbericht besonders betonen – denn dieser Gedanke bedeutet für mich den Geist und die Grundlage unseres gesamten Unternehmens. Kapital kann man sich beschaffen, IT-Dienstleistungen kann man zukaufen, Immobilien kann man im Grunde genommen austauschen – den wirklichen Erfolgsfaktor unseres Konzerns stellen die Mitarbeiter dar. Ihre Professionalität, ihre Leistung, ihre Motivation und ihr Optimismus repräsentieren, was wir sind – seit bald 190 Jahren. Da sie dieses Unternehmen gegenüber unseren Kunden im wahrsten Sinne des Wortes verkörpern, ist es auch eine unserer zentralen Aufgaben, optimale Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu bieten, attraktive Karrierechancen zu eröffnen und sie so gut wie möglich zu fördern und zu fordern. Das gilt auch und besonders für Frauen, auf die wir in der VIG gezielt bauen.

Haben Sie gemeinsam mit den Mitarbeitern auch 2012 zu einem Jahr des Erfolgs gemacht?

Peter Hagen

Hagen: Das kann man definitiv sagen – die Vienna Insurance Group hat sich 2012 trotz des ziemlich herausfordernden Umfelds sehr erfolgreich entwickelt. Es ist uns wieder gelungen, sowohl beim Prämienvolumen als auch beim Ergebnis deutlich zuzulegen; erstmals sind wir bei den Prämien der 10-Milliarden-EUR-Marke sehr nahe gekommen. Mehr als die Hälfte der Prämien und des Gewinns stammen aus CEE – das bestätigt einmal mehr die 1990 getroffene Entscheidung, unser Geschäft in die Länder Zentral- und Osteuropas auszuweiten. In unseren Kernmärkten konnten wir erneut unsere Marktführerschaft ausbauen und so den Abstand zu internationalen Mitbewerbern vergrößern. Unser Marktanteil liegt hier mittlerweile bei über 19%.

Höfinger: Noch stärker als im Jahr zuvor war das Versicherungsgeschäft 2012 von Schäden aus Naturereignissen geprägt – man denke etwa an die Frostschäden in der ersten Jahreshälfte, gefolgt von einer Vielzahl an Unwetterereignissen im Sommer. Das hat nicht nur hohe Anforderungen an eine rasche Schadenabwicklung in allen betroffenen Konzerneinheiten gestellt, sondern natürlich auch die Versicherungsleistungen insgesamt erhöht und damit unser Ergebnis belastet. Dennoch konnten wir unsere Ertragskraft weiter steigern.

Wie sieht das alles in Zahlen aus?

Simhandl: Die Konzernprämien sind, wie gesagt, der 10-Milliarden-EUR-Marke erstmals sehr nahe gekommen, konkret legten sie um 9,0% auf EUR 9,7 Mrd. zu. Der Gewinn vor Steuern lag mit EUR 587 Mio. um 5,1% über dem Vorjahreswert. Der Gewinn nach Steuern und Minderheiten stieg sogar um rund 10%. Trotz der erwähnten hohen Unwetterschäden blieb auch die Combined Ratio mit 96,7% auf einem positiven Niveau. Mit einem Anstieg um rund 14% auf EUR 5,8 Mrd. präsentierte sich auch die Entwicklung des Eigenkapitals sehr erfreulich. Unsere Solvenzquote ist dadurch weiter angestiegen und liegt deutlich über 200%.

Das Umfeld war 2012, wie bereits erwähnt, eher schwierig – wie sah das konkret für die Vienna Insurance Group aus?

Kosyna: Einerseits war das allgemeine Konjunkturumfeld bekanntlich eher gedämpft, das haben wir – ebenso wie die gesamte Branche – auch im Versicherungsgeschäft gespürt. Die Neuwagenzulassungen verlaufen nicht gerade dynamisch, und wir stellen in einigen Märkten einen intensiven Preiswettbewerb bei Kfz-Versicherungen fest. Wenn die Leute sparen müssen, werden natürlich auch die Ausgaben für Versicherungen genauer betrachtet und hinterfragt. Hier bedarf es fundierter Beratung über die Bedeutung einer guten Absicherung, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

In Österreich wurde die Situation in der Lebensversicherung durch – wie ich meine, eher kurzsichtige – fiskalpolitische Maßnahmen noch verschärft. Die Erhöhung der steuerbegünstigten Mindestlaufzeit von zehn Jahren auf 15 Jahre von Einmalerlägen und die Halbierung der staatlichen Förderung der prämienbegünstigten Zukunftsvorsorge haben die Attraktivität der Lebensversicherungsprodukte deutlich reduziert.

Simhandl: Das Kapitalmarktumfeld entwickelte sich in 2012, insbesondere in der zweiten Jahreshälfte, sehr gut. Die fallenden Renditen und sinkenden Kreditrisikoprämien hatten einen stark positiven Einfluss auf die festverzinslichen Kapitalanlagen. Auch die Aktienmärkte entwickelten sich zum Jahresende sehr gut. In diesem Umfeld konnte das Finanzergebnis der VIG einen hervorragenden Zuwachs von rund 33% gegenüber dem Vorjahr verzeichnen. Die Situation um die Eurokrise hat sich im Jahresverlauf deutlich entspannt, wenngleich man noch nicht von einer endgültigen Entwarnung sprechen kann. Wir gehen aber davon aus, dass wir mit unserer konservativen Veranlagungspolitik für weitere Unsicherheiten gut gerüstet sind.

Wenn Sie die operative Entwicklung ansehen – gab es in einzelnen Sparten bzw. Märkten besonders erwähnenswerte Entwicklungen?

Fuchs: Dass das Lebensversicherungsgeschäft besonders in Österreich im vergangenen Jahr schwierig war, hat Dr. Kosyna schon angesprochen. Ich möchte aber betonen, dass sich unsere internationale Kooperation mit der Erste Group gerade in diesem Bereich sehr bewährt.

Im Gegensatz zu Österreich hat sich Polen als Markt in diesem Segment enorm positiv entwickelt, hier besteht starke Nachfrage in der Lebensversicherung, und diese Chance haben unsere Konzerngesellschaften erfolgreich genutzt. Dadurch haben wir in Polen 2012 bei den Prämien erstmals die Grenze von EUR 1 Mrd. durchbrochen und auch eine sehr erfreuliche Gewinnsteigerung von 14,2% erzielt. Weiterhin sehr herausfordernd ist die Situation in Rumänien. Einzelne Marktteilnehmer forcieren hier – besonders bei der Kfz-Haftpflicht – einen intensiven Preiswettbewerb. Wir gehen aber auf das Dumping des Mitbewerbs nicht ein und bleiben bei unserer disziplinierten Preispolitik. Trotz dieser schwierigen Bedingungen ist es uns gelungen, Nummer eins in Rumänien zu bleiben.

Womit punkten Sie generell am Markt?

Höfinger: Unser Rezept lässt sich mit einem Wort erklären: Kundennähe. Wir sprechen die Sprache unserer Kunden, sind mit einem dichten Netz an Niederlassungen und Geschäftsstellen in allen Märkten möglichst flächendeckend präsent, treten den Kunden mit gewohnten, etablierten Marken gegenüber – wir nennen das unsere Mehrmarkenstrategie. Darüber hinaus nutzen wir ganz bewusst verschiedene Vertriebskanäle und legen dabei großen Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit unseren Vertriebspartnern.

Wir sind nahe am Markt und können deshalb genau das bieten, was der Markt fordert. Damit sind wir einmal mehr bei den Menschen angelangt, die den Erfolg unseres Geschäfts ausmachen: Unsere Kunden sind Menschen, deren Bedürfnisse und Möglichkeiten wir kennen müssen, und ihnen stehen wiederum Menschen gegenüber – unsere Mitarbeiter, die gut ausgebildet und motiviert danach streben, optimale Lösungen und individuelle Betreuung zu bieten. Dass wir dabei auf innovative Produkte und Services sowie modernste Tools setzen, ist eine Selbstverständlichkeit.

Effizienz ist wohl auch ein wichtiger Erfolgsfaktor ...

v.l.n.r.: Martin Simhandl, Peter Höfinger

Simhandl: Selbstverständlich – und das gilt für die operativen Prozesse ebenso wie für unsere Unternehmensstruktur. An beiden arbeiten wir permanent. Denn es ist unser erklärtes Ziel, unsere Erträge im Versicherungsgeschäft zu erwirtschaften und uns nicht auf das Veranlagungsergebnis verlassen zu müssen. Deshalb prüfen wir laufend alle Möglichkeiten, unsere Effizienz und damit unsere Ertragskraft zu steigern. Zur strukturellen Optimierung haben wir in Polen, Rumänien und Bulgarien Konzerngesellschaften fusioniert und diese Prozesse im abgelaufenen Jahr abgeschlossen; eine weitere Fusion zwischen Helios und Kvarner in Kroatien ist in Vorbereitung. Je nach spezifischer Situation laufen in einigen Ländern auch eigene Kostensenkungsprogramme.

Sehr wichtig waren Ihrem Unternehmen immer soziale Themen. Was tut sich in diesem Bereich im Moment?

Hagen: Es liegt auf der Hand, dass ein Unternehmen, dessen Wurzeln bald 190 Jahre zurückreichen, eine langfristige und vor allem nachhaltige Perspektive hat. Das schließt ein hohes Maß an sozialer Verantwortung mit ein. Wir haben uns hier im Lauf der Jahre und Jahrzehnte auf unterschiedliche Weise engagiert. Unser Hauptaktionär, der Wiener Städtische Versicherungsverein, setzt zahlreiche Initiativen und unterstützt laufend Aktivitäten der Gruppe. Eines der wichtigsten Projekte der vergangenen Jahre ist sicher der so genannte „Social Active Day“, in dessen Rahmen unsere Mitarbeiter im Regelfall einen Tag im Jahr vom Unternehmen für soziale Tätigkeiten in verschiedensten Institutionen zur Verfügung gestellt bekommen. Allein im Jahr 2012 wurden im Rahmen dieser Aktion 4.195 Arbeitstage an ehrenamtlicher Arbeit im sozialen Bereich geleistet – das entspricht rund 19 Arbeitsjahren, die wir der Allgemeinheit unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. Nach neun Ländern im Jahr 2011 haben sich 2012 bereits 17 Länder am Social Active Day beteiligt, die Initiative ist also tatsächlich konzernumspannend.

v.l.n.r.: Franz Kosyna, Franz Fuchs

Kosyna: 2012 wurde außerdem erstmals der Dr. Günter Geyer Social Active Award für soziale Projekte verliehen. Diese Auszeichnung ging an drei unserer Konzerngesellschaften, die etwas Besonderes im Sozialbereich geleistet haben. Als Sieger ging dabei die Kooperativa Tschechien hervor. Für unsere tschechischen Kollegen stellt soziales Engagement schon seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit dar. Unter anderem besteht eine Kooperation mit der Organisation "Pfoten, die helfen", die Assistenzhunde für benachteiligte Personen ausbildet und vermittelt. Auch die ungarische Union Biztosító erhielt für ihr Engagement im Zusammenhang mit den Bátor Tábor Camps für chronisch kranke Kinder einen Award. Die kroatische Helios engagierte sich für das Waisenhaus St. Tereza und freute sich über den dritten Preis. Mit den Awards erhielten die Gesellschaften insgesamt EUR 100.000 zur Förderung ihrer sozialen Projekte.

Fuchs: Einen wichtigen Impuls zur Bewusstseinsbildung hat 2012 übrigens die Wiener Städtische in Kooperation mit dem Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband, der Erste Bank sowie dem Sozial- und dem Wirtschaftsministerium mit der Kampagne „PflegerIn mit Herz“ gesetzt. Ich halte es für extrem wichtig, dass wir gerade als verantwortungsvolles Versicherungsunternehmen darauf hinweisen, welche Bedeutung – und durchaus auch soziale Sprengkraft – das Thema Vorsorge bzw. Pflegevorsorge in unserer Gesellschaft haben kann.

Herr Dr. Hagen, Sie stehen bald ein Jahr an der Spitze des Vorstands der Vienna Insurance Group. Wie sieht es mit dem strategischen Kurs aus – gab es hier Änderungen?

Hagen: An unseren Prinzipien hat sich natürlich nichts geändert, denn die Vienna Insurance Group befindet sich ja auf Erfolgskurs – und diesen Kurs behalten wir bei. Das soll jedoch nicht heißen, dass wir nicht aufmerksam den Markt beobachten und Chancen wahrnehmen. Ich würde es so formulieren: Wir bleiben unseren Prinzipien treu, reagieren aber rasch und flexibel auf Entwicklungen.

So bekennen wir uns klar zu Österreich und Zentral- und Osteuropa als unserem „natürlichen“ Heimmarkt, denn wir sind vom hohen Potenzial dieser Region überzeugt. CEE wird von vielen in letzter Zeit oft recht skeptisch gesehen – das halte ich für übertrieben pessimistisch. Natürlich gibt es Verschnaufpausen im Wachstum, der Aufholwille und die Motivation der Bevölkerung in CEE sind aber ungebremst – das wird in den Prognosen oft übersehen. Die Menschen wollen einfach ihre wirtschaftliche Situation verbessern und Wohlstand schaffen. Außerdem bedeuten 180 Mio. Einwohner nicht nur ein enormes Kundenpotenzial, sondern sie sind auch ein großer Pool für gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter. Unser Bekenntnis zur Region haben wir übrigens im vergangenen Jahr auch durch zwei weitere Zukäufe bekräftigt: Nach der polnischen Lebensversicherung Polisa, mit der wir gezielt den sehr dynamischen Lebensversicherungsmarkt in Polen besser erschlossen haben, sind wir durch den mehrheitlichen Erwerb der QBE Makedonija zum Marktführer in Mazedonien aufgestiegen.

Abgesehen von diesem klaren Fokus auf CEE – was sind die Eckpunkte Ihrer strategischen Ausrichtung?

Hagen: Da gibt es einige sehr klare Grundsätze, die sich schon in der Vergangenheit bewährt haben und auf die wir kontinuierlich weiter setzen: Wir sind eine Versicherung und nichts anderes und konzentrieren uns daher auf das versicherungstechnische Ergebnis. Damit vermeiden wir unter anderem auch den Druck, ein zu hohes Risiko im Veranlagungsbereich eingehen zu müssen. Nach dem Grundsatz „think globally, act locally“ setzen wir dabei auf lokales Unternehmertum – denn unser Management und unsere Mitarbeiter vor Ort kennen unsere Kunden und deren Bedürfnisse, unsere Vertriebspartner sowie den Markt am besten. Im Streben nach möglichst großer Kundennähe bauen wir auf unsere Mehrmarkenstrategie und unseren Multikanalvertrieb. Unsere bewährte Kooperation mit der Erste Group ist ein weiterer wichtiger Eckpunkt. Und last, but not least bildet unsere konservative Veranlagungspolitik einen soliden Grundpfeiler unserer finanziellen Stabilität, die bei Kunden und Mitarbeitern ebenso Vertrauen schaffen soll wie bei unseren Aktionären.

Apropos Aktionäre: Wie sieht Ihre Performance auf dem Kapitalmarkt aus?

Simhandl: Ich denke, dass unsere Aktionäre mit einem Kursplus von über 30% im abgelaufenen Jahr durchaus zufrieden sein werden – auch wenn es im Jahresverlauf zeitweise Durststrecken gab. In einer Zeit ständiger Stimmungswechsel und genereller Verunsicherung ist beim Blick in die Zukunft aber sicher Vorsicht geboten. Unser Ziel lautet jedenfalls, dass wir unseren Eigentümern langfristig eine nachhaltig solide Wertentwicklung bieten wollen. Was die Dividende betrifft, bleiben wir bei unserer Politik, dass wir zumindest 30% des Konzerngewinns nach Steuern und Minderheiten an unsere Aktionäre ausschütten wollen.

Abschließend eine Frage, die alle interessiert: Wie sieht Ihr Ausblick für 2013 aus?

Hagen: Wir sind, wie wir es uns vorgenommen haben, 2012 in unseren Kernmärkten über dem Marktschnitt gewachsen, und das bleibt auch weiterhin unser Ziel – ebenso wie eine weitere Verbesserung unserer Profitabilität. Wir können dabei das wirtschaftliche Umfeld, das nach allen Prognosen weiterhin nicht allzu dynamisch sein wird, nicht ausblenden. Wir werden aber mit vollem Einsatz alles tun, um weiter ertragreich zu wachsen. Dass wir dies auch in einem rauen Umfeld schaffen, haben wir in den vergangenen Jahren bewiesen.

Und wo wird die VIG in zehn Jahren stehen?

Hagen: Die Vienna Insurance Group wird in Österreich weiterhin die größte Versicherungsgruppe sein, sie wird als ertragreichster Versicherungskonzern in der Region CEE punkten – und es werden noch mehr Frauen als heute Führungspositionen innehaben.

Danke für das Gespräch.